GALERIE LINDNER WIEN

 

 

 

 

 

 
                       
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Ride on: 11. 09. - 28. 09. 2003

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Ride on

Er, Theo, war süchtig - er war süchtig es immer und immer wieder zu sagen, zu schreien, zu flüstern, zu hauchen, und wenn es gar nicht anders ging, zu krächzen: „Ride on!" Für welche Variante der Verlautung er sich jeweils entschied hing einzig von seiner Befindlichkeit ab. - Alles zu seiner Zeit. - Er war ihr verfallen, dieser seltsamen Magie, die Worte bekommen können, wenn man ihrem unablässigen Auftrieb aus tieferen Bewusstseinslagen nichts entgegensetzt: Als wolle sich so eine innere Bedeutungsfülle in immer wieder neuen Schallwellen verpackt nach außen stülpen. „Ride on, ride on!" Die Schallwellen wurden verstärkt, denn Theo gehörte einer in den 60er Jahren auch in Deutschland neuen Spezies an: er war Disc-Jockey.
„Have you ever been in electric ladyland? Ride on!" Und dem schwarzen Jimi H. wuchsen die Elektrokabel aus dem Kopf! Die Wucht der ersten Globalisierungswelle traf heftig und die größte Subkultur velor ihre ersten drei Buchstaben und damit ihre Unschuld. Und nichts war wie vorher. „Ride on! Ride on!" Jimi H. kratzte mit Tönen und Geräuschen an der amerikanischen Nationalhymne und damit am amerikanischen Selbstverständnis herum und sogar deswegen ließ sich sein „Star Spangled Banner" hervorragend verkafen.
„Ride on!" Die Spur dieser beiden Worte führt uns aus Theos subversivem Tollhaus der 60er Jahre, direkt nach Del Rio in Texas. Hier, und vor allem in Ciudad Acuña auf der mexikanischen Seite des Rio Grande lebte vier Jahrzehnte ein anderer „Er". Eine Art „Über - Ich - Er": „The world most famous DJ, called Wolfman Jack", der mit 250.000 Watt Transmitter aus der mexikanischen Wüste ganz Amerika und den Rest der Welt mit Rock'n Roll und Blues versorgte, und der schrie diese Botschaft des amerikanischen Westens als Erster in den Äther: „Ride on!" „And he put Del Rio on the map!" Seinem amerikanischen Traum setzte 1995 der Herzstillstand ein Ende. Del Rio - on the road to Marfa - will ihn ehren wie keinen Zweiten aus seiner Zunft, mit einer überlebensgroßen Skulptur und einem Museum.
„A long tall Texman", der Anfang Februar 2003 an einer Tankstelle in Del Rio einigen österreichischen und deutschen Künstlern und ihrem Galeristen, alle aus Houston kommend, begegnete, zelebrierte etwas, was zu erleben wohl nur demjenigen vergönnt ist, der seiner aktiven Zufallsbereitschaft folgend immer auch den gierigen Hang verspürt, ein wirkliches Klischee gerne und überall zu erlben: Und der Cowboy schob sich doch tatsächlich mit zwei Fingern seinen Hut nach hinten und sagte zu Einem ganz feierlich-freundlich: „Ride on!"
So stellte sich mit der Erinnerung an Theo auch die Frage, ob es sich bei Wolfman Jack um eine Art amerikanischen Heraklit und es sich mit diesem „Ride on" um ein texanisches „panta rei" handelt oder aber, ob sich diese Sprachvariable letztlich nur als eine kleine Freundlichkeit am Rande einer unendlichen Weite versteht, in der Don Judd, der große minimalistische Meister des Innen und Außen seine Stadt Marfa und seine letzte Ruhestätte fand. Who knows? Und jeder von uns sieht alles anders, sowohl die großen Cubes von Judd in ihren gigantischen Hallen, die angesichts der Chihuahua-Wüste wiederum klein wirken, als auch die Multiples, eine Homage à Texas, welche die 7 reIsenden Künstler für ihre Box schufen: „Ride on!"
Michael Post