GALERIE LINDNER WIEN

 

 

 

 

 

 
 
STEPHAN EHRENHOFER – Belle de Jour   STEPHAN EHRENHOFER – Belle de Jour   STEPHAN EHRENHOFER – Belle de Jour   STEPHAN EHRENHOFER – Belle de Jour   STEPHAN EHRENHOFER – Belle de Jour   STEPHAN EHRENHOFER – Belle de Jour   STEPHAN EHRENHOFER – Belle de Jour  
                           
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STEPHAN EHRENHOFER – Belle de Jour: 20. 01. – 20. 02. 2015

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1964 in Zürich geboren
1985-89 Studium an der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien
1989 MA Malerei + Grafik, Meisterklasse für Tapisserie
1990+91 Kunststipendien des Kantons Zürich
Lebt und arbeitet in Berlin


Textilien und Papier, Metall und Holz – unter Verwendung einer ganzen Bandbreite von Materialien legt Stephan Ehrenhofer sein Augenmerk besonders auf das Konkrete und das Systematische in der Kunst. Ganz in der Tradition der Gegenstandslosen Kunst stehend umfassen seine Arbeiten sowohl Handzeichnungen als auch digitale Renderings und bewegen sich darüber hinaus im Bereich vom plastischen Objekt bis hin zur Installation.

 

BELLE DE JOUR

Belle de Jour – unweigerlich ist man an den herausragenden Regisseur Luis Buñuel und seinen gleichnamigen Film mit Catherine Deneuve erinnert. Den Inhalt des Films erinnern viele, sehr verkürzt, als die Möglichkeit käuflicher Schönheit, während die viel weiter reichenden Interpretationsebenen des Werkes zumeist hintan stehen. Dabei geht es Buñuel doch ebenso sehr um einen Ausbruch aus der Enge gesellschaftlich tradierter Rollenmuster und den Eintritt in eine Gegen-Welt, gleichzeitig um die Schwelle von bewusstem Wachzustand und unbewusstem Tagtraum, die dabei verwischt wird. Stephan Ehrenhofer hingegen verleitet sein Publikum mit dieser Bezugnahme nur zu solchen Gedanken, denn seine Reihe von quadratischen Arbeiten, die aus jeweils sechs lose übereinander hängenden Weich-PVC Blättern bestehen, welche in den oberen Ecken von Ösen zusammengehalten werden und wie Kalender aufgehängt sind, bezieht sich auf eine andere Schönheit des Tages: Belle de Jour heißt nämlich auf Französisch auch die Dreifarbige Winde [Convolvulus tricolor], eine eintägig blühende mediterrane Blume. Das von der Genetik abgeleitete Prinzip, aus einer grundlegenden Regel eine Vielzahl unterschiedlichster Kombinationen zu entwickeln, auf diese Reihe übertragen zeigt, dass es insofern ihre gelb-weiß-blauen Blütenblätter sind, die den eigentlichen Bezug zu den gewählten Farben der Arbeiten herstellen. So liegt im Ausstellungstitel auch ein Moment der Ironisierung, das eine plakative Begrifflichkeit umspielt.

Das Textile – spätestens durch die hervorgehobene Stellung in der Grundlehre des Bauhauses integraler Bestandteil der Kunst in der Moderne – mit seinen zu Grunde liegenden spezifischen Parametern steht als verbindende Grundhaltung hinter all den vielfältigen Werkgruppen und Arbeitssträngen im Werk des Künstlers: Es wird eine Idee skizziert, als Entwurf weiter bearbeitet und ein Plan für die Ausführung entwickelt; in diesen spielen die zu verwendende Technik, die Wahl des Materials, die Bestimmung seiner einzusetzenden Menge, unter Berücksichtigung seiner charakteristischen Eigenschaften, sowie der für die Fertigung anzusetzenden Zeit grundlegend mit hinein. Dies ist insofern das Gegenteil spontanen Arbeitens, eines expressiven, den inneren momentanen Zuständen Ausdruck verleihenden Kunstverständnisses, was als Klischee viel zu oft der zeitgenössischen Kunst als wesentlich angedichtet wird. Stattdessen ist in der Bildwirkerei, wie die Tapisserie auf Deutsch genannt wird, ein Vorgehen unabdingbar, wie es etwa auch in der Architektur zu leisten ist: Um ein überzeugendes Ergebnis zu erreichen, braucht es einen durchgearbeiteten Plan, der Materialeigenschaften, technische Zusammenhänge sowie konstruktive Bedingungen einschließt und die Anforderungen dieser so erfüllt, dass alle Elemente der Arbeit sich gegenseitig entsprechen; eben alles insgesamt durchwirkt ist. Kurz gesagt: Es bedarf eines umfassenden, ausgearbeiteten Konzepts.

Anhand dieser Ausstellung wird deutlich, wie es Stephan Ehrenhofer gelingt, persönliche Prägung in künstlerische Arbeiten zu transformieren. Es zeigt sich ein sehr individuelles Werk, das seine Inspiration aus Alltagserfahrung und Weltbeobachtung bezieht und diese mithilfe sämtlicher sinnvoller Werkzeuge – von Skizzenbuch bis CAD Programm – in ein breites Spektrum verschiedenster Kunstwerke übertragen wird. Und dies immer, ohne dabei ein bloßes Abbild der Dingwelt, sondern stets eine aus der eigenen künstlerischen Vorstellungskraft heraus entwickelte Neuschöpfung zu erzeugen. Seine Kunst ist dem Konkreten verbunden ohne im strengen Sinn Konkrete Kunst zu sein; ebenso ist sie konzeptuell ohne Konzeptkunst zu werden. Sie basiert auf dem Textilen, ohne dabei Textilkunst zu bleiben. Sie ist malerisch geprägt, ohne tradierte Malerei abzuliefern, bildnerisch ohne abzubilden, gegenstandslos im Inhalt doch sehr gegenständlich in der Form. Und schließlich ist sie ausdrucksstark, verarbeitet und setzt Anregungen aus dem eigenen Erleben um, ohne innere Zustände zu thematisieren und dadurch expressiv, gestisch, emotional oder biografisch zu sein. Stattdessen stellt er sich und seine Werke bewusst in Traditionslinien des freiheitlichen Denkens und künstlerischen Handelns, und bleibt dabei in großem Gegensatz zu jenen Positionen, die oft banale, plakativ-politische Botschaften verbreiten, um Aktualität und Aufmerksamkeit zu erreichen. Die Freiheit seiner Sujets, Techniken, Werkzeuge und Inhalte, in Verbindung mit einer äußerst weiten Bandbreite von künstlerischen Fertigkeiten steht für seinen radikal zeitgenössischen Ansatz, welcher der Innovation und Fortschreibung des Konkreten im 21. Jahrhundert verpflichtet ist.


Matthias Seidel