GALERIE LINDNER WIEN

 

 

 

 

 

 
 
MICHAEL KARGL – bezugnehmend auf   MICHAEL KARGL – bezugnehmend auf   MICHAEL KARGL – bezugnehmend auf   MICHAEL KARGL – bezugnehmend auf   MICHAEL KARGL – bezugnehmend auf   MICHAEL KARGL – bezugnehmend auf   MICHAEL KARGL – bezugnehmend auf  
                           
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MICHAEL KARGL – bezugnehmend auf: 09. 04. – 22. 05. 2015

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Geboren 1975 in Hall in Tirol
Studium an der Universität Mozarteum, Salzburg
Mitbegründer des Kollektivs CONT3XT.NET, 2006–12
Lebt und arbeitet in Wien

 

Roter Lack /
Gelber Lack /
Weißer Lack /
Schwarzer Tafellack, matt /
Graphit /
Fünf Plexiglasplatten zu je 21 x 15 cm /
Ein Blatt Millimeterpapier zu 29,7 x 42 cm /
Ein Blatt Papier zu 29,7 x 42 cm /
Ein gefaltetes Blatt Papier zu 40 x 50 cm /
Drei Digitaldrucke zu je 21 x 29,7 cm /
Vier gefaltete Digitaldrucke zu je 100 x 70 cm /
Ein Digitaldruck zu 43 x 60 cm /
Ein gescannter 5 €-Schein /
Ein gescannter 10 €-Schein /
Ein gescannter 20 €-Schein /
Eine gescannte Landkarte von Algerien /
Eine gescannte Landkarte von Ägypten /
Eine gescannte Landkarte von Libyen /
Eine gescannte Landkarte von Tunesien /
Eine mitteldichte Faser-Platte zu 78,5 x 104 cm /
Eine mitteldichte Faser-Platte zu 78,5 x 112 cm /
Eine Aluminiumstange /
Eine Stange aus VA-Stahl zu 200 cm /
Ein Stück Baumwollstoff, schwarz und weiß gestreift /
Zwei Stockschrauben zu je 5 cm /
Fünfzehn Holzrahmen mit Schattenfugen /

Diese Liste ließe sich fortsetzen. Diese Liste an künstlerischen Werkstoffen ließe sich auch gänzlich anders gruppieren, sie ließe sich zu anderen Konfigurationen zusammenstellen, zu anderen Wissenseinheiten, zu anderen Kategorien – immer wieder neu. Es handelt sich dabei um Material, das in der Ausstellung bezugnehmend auf von Michael Kargl in der Galerie Lindner zu sehen ist. Es handelt sich dabei um Material, das der Künstler verwendet, um Kunst zu machen und um Kunst zu zeigen. Das Plexiglas, der Baumwollstoff, die Stockschrauben – all diese Elemente hätten ihn auch zu gänzlich anderen künstlerischen Lösungen führen können. Das Material kann bei Kargl zum Ausgangspunkt für weitere Kunstwerke werden, für weitere formale, inhaltliche oder materielle Konfigurationen, für weitere Wissenseinheiten, für weitere Kategorien. Es kann zum Ausgangspunkt für Kunst werden, die in immer neue Zusammenhänge gebracht wird.
Michael Kargl berechnet, er organisiert Daten, er analysiert Gegenstände und bringt sie in eine Ordnung, er strukturiert und restrukturiert, er konstruiert und dekonstruiert Inhalte und dennoch geht er nicht in Zahlenreihen auf oder legt mit seiner Arbeit einen wissenschaftlichen Bericht vor. Im Gegenteil, die Methoden der Vermessung führen ihn immer wieder zur Abstraktion und er führt sie als vermeintlich objektive Strategien vor. Michael Kargls Kunst weist Bezüge auf – sie ist relational. Der Titel der Ausstellung lautet bezugnehmend auf, ein Titel, der wie die Quintessenz seines künstlerischen Handelns gelesen werden kann: referenzieren, in Beziehung setzen, anspielen, hinweisen, Vergleiche anstellen, abwägen und gegenüberstellen, beurteilen, befinden, verwerfen, kurzerhand: vermessen.
Als Bezugsquellen dienen dem Künstler Maßstäbe, Normen, Proportionen, Zustände, Informationen oder ganze Wissenssysteme: Es ist aber weniger die detailgetreue Analyse der vorgefundenen Sachverhalte, die für Kargl beim Akt des Bezugsnehmens im Vordergrund steht. Vielmehr hebt er die Relationen einfacher Wissenseinheiten zueinander hervor und macht diese Beziehungen der Rezeption zugänglich. Alltägliches und Herkömmliches stehen dabei ebenso im Blickpunkt wie die gesellschaftlichen und politischen Vorgänge auf den großen Schauplätzen der Welt. In ihrer Einfachheit, erst indem sich die Werke formal zurücknehmen und mit Elementen wie etwa der Monochromie und Reduktion arbeiten, ermöglichen sie es den Betrachterinnen und Betrachtern, sich in einer durch und durch ästhetisierten Lebensrealität zu orientieren, darin Position zu beziehen und letztlich die eigene Beziehung zur Wirklichkeit zu überdenken.
Wie können politische Phänomene heute adäquat abgebildet werden? Können Prozesse gesellschaftlicher Natur in eine visuelle Form übersetzt werden, die es Betrachterinnen und Betrachtern erlaubt, sie als solche wahrzunehmen? Kann der Ruf nach Demokratie in einer als post-demokratisch bezeichneten Gesellschaft mit den historisch entwickelten Mitteln der Kartografie dargestellt werden? Solchen Fragen geht Michael Kargl mit der Serie landscapes of desire, 2011, nach und ordnet die Farbpixel topografischer und politischer Landkarten von Staaten wie Tunesien, Ägypten oder Algerien neu. Die Oberflächen dieser demokratiepolitisch brisanten Regionen werden nach ihrem Farbwert geschichtet und als Verlauf in ihr ursprüngliches Format, in das der Landkarte, zurückgeführt. Die unterschiedlichen Beschaffenheiten von Oberflächen wie Bergregionen, Gewässer, Hochplateaus, Wälder, Wüsten aber auch Grenzziehungen, die von offiziellen Behörden festgelegt wurden, beginnen sich einander in landscapes of desire anzunähern und schließlich im selben Niveau einzupendeln. Jeder Farbwert, der sich zu seinesgleichen gesellt, verändert die von Menschenhand gezeichnete Landschaft ein Stück mehr. Erst die Faltung der Bildobjekte lässt ihre ursprüngliche Funktion erkennen.
Versteht man Wissen als Strategie, um kulturelle Ressourcen dauerhaft fruchtbar zu machen, so liegt auf der Hand, dass dieses Wissen ebenso kulturell geprägt ist wie es die Kultur prägt. An der Schnittstelle dieses Gegensatzpaares setzt Michael Kargl mit configurations of knowledge, seit 2011, ein. Er führt den Betrachterinnen und Betrachtern Alltagswissen vor. Im Zentrum der als mehrteiligen Serie konzipierten Arbeit stehen die Relationen einfacher Wissenseinheiten zueinander. So geraten etwa historische wie aktuelle Film- und Computerdisplays, international gängige Papierformate oder die uns täglich umgebenden Parameter für Räume ins Blickfeld. Ganze Kategorien, einzelne Klassen und vor allem die Verhältnisse dieser Größen zueinander führen unweigerlich zur Frage danach, wer für die Produktion von Wissen verantwortlich zeichnet und bei wem die Macht der Wissensdefinition liegt.
Für configurations of knowledge: blackboards, 2011, hat Michael Kargl fünf unterschiedlich große, monochrome, schwarze Flächen angefertigt. Die Dimension dieser Tafeln korrespondiert mit den gängigen Präsentationsformaten von bewegten Bildern wie etwa 16:9, 4:3 oder Cinemascope. An der Wand erzählen die Unterschiede zwischen den mit Tafellack überzogenen Platzhaltern für Film- und Videodisplays von den möglichen Welten, die auf ihnen sichtbar gemacht werden können. Kargl stellt nicht etwa Informationen über die Seitenverhältnisse dieser Tafeln oder ähnliches zur Verfügung, es ist vielmehr implizites Wissen, das sich Betrachterinnen und Betrachtern über das Verhältnis der Formen und Größen zueinander eröffnet. Es ist, so könnte man dies auch beschreiben, kollektives Wissen, das der Künstler in seinem Werk vorführt.
In Michael Kargls Arbeiten geht es häufig um Vermessung, nicht jedoch im Sinne von hochspezialisierten, naturwissenschaftlichen Methoden der Datenerhebung, der Auswertung und der Interpretation. Vielmehr entwirft der Künstler Ordnungssysteme für unscheinbare Gegenstände, Vorstellungen und Abstrakta. Es handelt sich dabei um Gegenstände und Vorstellungen, die den Menschen im Alltag begleiten. Es sind Gegenstände und Vorstellungen, die sich solange als selbstverständlich und gegeben präsentieren, bis sie Michael Kargl durch den Prozess des Vermessens in den Bereich der Wahrnehmung rückt.
„Ein Messergebnis“, so Hans Dieter Huber über die Janusköpfigkeit wissenschaftlicher wie künstlerischer Ordnungssystemen, „ist eine Form, die immer zwei Seiten hat, nämlich eine vermessene Innenseite und eine nicht vermessene Außenseite. Die nicht vermessene Außenseite ist der Punkt, an dem die Welt verschwindet, an dem sie unsichtbar, unbeobachtbar, verdeckt, latent und ausgeschlossen wird. Jede Messung hat deshalb sowohl ihre Kosten als auch ihren Nutzen. Die Kosten liegen im Preis der Blindheit – oder sollte man besser sagen in der Verblendung? – die man für das Messergebnis zahlt. Der Preis besteht darin, was durch die Ordnung ausgeschlossen wird, was sie unsichtbar macht, verschleiert, bedeckt und nicht benennt. Der Nutzen besteht dagegen in der Ordnung und Systematisierung, die man durch das Messverhalten erzielen kann.“ *
Beide Aspekte sind in Michael Kargls Kunst in gleichem Maße präsent, sowohl die sichtbare, als auch die unsichtbare Seite der Vermessung – sowohl latent wie auch manifest.

* Hans Dieter Huber, Vermessene Ansprüche, in: Kunsthaus Graz (Hg.), Vermessung der Welt. Heterotopien und Wissensräume in der Kunst, Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König, 2011, 21f.

Franz Thalmair arbeitet als freiberuflicher Kunstkritiker, Autor und Kurator in Wien