GALERIE LINDNER WIEN

 

 

 

 

 

 
                       
Max Cole   Max Cole   Max Cole     Max Cole   Max Cole  
                       
                       

 

MAX COLE

 

1937 geboren in Hodgeman County, Kansas, USA
1961 Fort Hays State University, B.A. in Malerei
1964 University of Arizona, M.F.A. in Malerei
1983 Stipendium Visual Artists Fellowship, The National Endowment for the Arts
1988 Stipendium Research Fellowship, Indo-U.S. Sub-Commission for Travel in India
1994 Artist in Residence, Roswell Museum and Art Center, New Mexico
2005 Artist in Residence, The Josef and Anni Albers Foundation, Bethany, Connecticut

Lebt und arbeitet in Somerset, Kalifornien

 
Essay > > >

 

Zwischen den Zeilen: Grenzgebiete des Verstehens

„Ich schulde Ihnen die Wahrheit in der Malerei und werde sie Ihnen sagen.“ Cézanne, 1905


Klarheit, Heiterkeit und Schönheit: In den Gemälden von Max Cole können wir sie finden. Als Freund und Künstlerkollege kenne ich Max gut genug, um nicht zu versuchen, ihre besondere Begabung mit ihren Lebensumständen zu vermischen, die es ihr erlauben ihre eindrucksvollen Arbeiten zu schaffen. Ich habe das Gefühl, dass ich wichtige Einblicke in ihre Arbeit erhalten habe, die mich verstehen lassen, wo ihre kreativen Ideen möglicherweise ihren Ursprung nehmen.

Wenn ich auf die nunmehr zehn Jahre unserer Nachbarschaft zurückblicke, sehe ich, wie die vielen, langen, oft bis in die späte Nacht dauernden Gespräche nach unseren gemeinsamen Abendessen zu Kapiteln einer langen, sehr persönlichen Biographie einer außergewöhnlichen Frau und Künstlerin werden. Durch unsere Gespräche und meine Beobachtungen habe ich eine tiefe Bewunderung für die künstlerische Errungenschaft und Ehrlichkeit entwickelt, mit der sich Max Cole in den unergründlichen Prozess des Kunstschaffens einbringt. Mir ist klar geworden, dass sie eine Künstlerin ist, deren tägliches Leben untrennbar mit ihrem künstlerischen verwoben ist. „Eine Besonderheit im Werk von Max Coles ist, dass Ihre Art zu malen nicht von ihrem Leben und ihrer Person getrennt werden kann. Ihr Arbeitsrhythmus will kein ästhetisches Manifest sein, ich würde ihn eher als etwas ganz eigenes, fast obsessives beschreiben. Malend und arbeitend trägt Max Cole zu einer Realität bei, die sich jeder Definition entzieht. Ihre Arbeitsweise ist eben nicht die eines Künstlers, der ein normales Leben führt und zwischendurch ins Atelier geht und malt.“ Aus einem Interview mit Giuseppe Panza di Biumo von Laura Mattioli Rossi, 2000

Der Akt des Betrachtens und die Absicht ein Kunstwerk verstehen zu wollen, führt uns an die Grenzen dessen was wir begreifen können. An genau dieser Grenze beginne ich Max Coles Arbeiten zu untersuchen. Die Oberflächen ihrer Gemälde sind präzise, aber sie sind nie abgemessen. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob eine Messlatte oder ein Lineal verwendet wurde, aber bei näherer Untersuchung der Gemälde, Zeichnungen und Drucke, besonders von der Seite, wird klar, dass die Linien nicht gerade sind. Die Oberflächen der Arbeiten sind geordnet, aber nie vorhersagbar. Die Arbeiten teilen viele Eigenschaften, aber es sind nie die Gleichen. Die Qualität und der Stil von Max’ Arbeiten haben sich über die Jahre erstaunlich wenig verändert, und doch hat jede Arbeit eine eigene Struktur und Schlichtheit, die sie zu einem einzigartigen und faszinierenden Kunstwerk werden lässt. Die Arbeiten von Max bilden eine spirituelle Ebene, die dem aufmerksamen Betrachter Einblick gewährt und Klarheit schafft, und nur schwer in Sprache zu übersetzen ist. Wie bei vielen ernsthaften Kunstwerken täuscht eine scheinbar einfache Oberfläche über die Tiefe hinweg, die erst im Prozess des Sehens verstanden werden kann. „Ich glaube, dass nichts abstrakter, unwirklicher sein kann, als das was wir tatsächlich sehen. Wir wissen, dass alles, was wir Menschen von der dringlichen Welt wahrnehmen, niemals wirklich so ist, wie wir es sehen oder verstehen.“ Giorgio Morandi

In Max Coles Arbeiten scheinen die horizontalen Linien ganz gerade zu sein, sind es aber nie. Die Vertikalen wiederum helfen das Gewicht zu tragen, wie unzählige Zaunpfosten, die Stacheldraht endlos über die öden Ebenen von Kansas spannen. Dort wurde Max geboren und dort verbrachte sie ihre Kindheit. Es waren schwierige Lebensbedingungen, die zusätzlich durch die Weltwirtschaftskrise und verheerende Staubstürme verschlimmert wurden. Diese zwei zerstörerischen Katastrophen brachten für Max und ihre zwei Schwestern eine zusätzliche Belastung: Sie wuchsen ohne jegliche finanzielle Sicherheit auf. Vielleicht waren es die Entbehrungen in ihrer Jugend, die Max inspiriert haben, in ihrer Kunst das zu verwirklichen, was das Leben nicht immer mit sich bringt: Klarheit, Heiterkeit und Schönheit.

Große künstlerische Errungenschaften können natürlich nicht allein durch Lebensumstände erklärt werden. Die Arbeiten von Max können auch in Relation zu den künstlerischen Strömungen gesehen werden, die sie in den Jahren ihrer künstlerischen Entwicklung erlebt hat. Zum Beispiel sehe ich eine Verbindung zu den zeitlosen Strukturen in Alain Resnais Filmen („Letztes Jahr in Marienbad“) oder den pedantischen Romanen Alain Robbe-Grillets („Die Niederlage von Reichenfels“). Beide Strukturen sind ihren Gemälden und Zeichnungen nah verwandt. Die Erzählung scheint irgendwo in der Mitte zu beginnen, ohne einen Bezugspunkt zu unserer Wirklichkeit. Kein Teil ist wichtiger ist als der Andere. Es gibt keine symbolischen Anspielungen. Man könnte vielleicht sagen, dass der Beginn und das Ende wichtiger sind, aber diese Behauptung wäre ziemlich akademisch und trägt wenig dazu bei, die Essenz der Arbeit zu enthüllen. „Es stimmt, dass es eine Verbindung zwischen meiner Arbeit und Robbe-Grillets Texten gibt. Ich war fasziniert von seinem rhythmischen Sprachgebrauch und den abstrakten Handlungen in seinen Texten. Ich kann mich mit seinem strukturellen Stil identifizieren, weil er damit die konventionelle Form zerstört hat, die den meisten Texten zugrunde liegt.“ Max Cole 2011

Es bestehen auch wichtige Parallelen zu der Musik von Steve Reich („Music for 18 musicans“) und Erik Satie („Vexations“). Diese Musik erzeugt, sei es durch Schichtung oder Dauer, einen zwanglos hypnotisierten Zustand. Motive und Inhalt sind nicht wirklich fassbar, so werden die Arbeiten nie didaktisch. Eindeutige Referenzen fehlen, lineare Handlungen machen das Sehen, Lesen und Hören zu einer Reise ohne semiotische Wegweiser, mit deren Hilfe wir normalerweise auf gewohnten Pfaden bleiben. Alle diese Künstler, Max Cole eingeschlossen, wollen keine Rezepte anbieten, die ihre Arbeiten erklären, sondern Werke schaffen, die niemals vorher gedacht oder gesehen wurden.

Anscheinend hat sich Max Cole Einschränkungen geschaffen, indem sie bestimmte formale Elemente, wie Linie, Oberfläche und Raum, in ihren Gemälden begrenzt verwendet. Ihre große ästhetische Leistung ist es, durch diese Einschränkung Arbeiten zu schaffen, die sowohl enigmatisch und nuanciert sind. Max hat das selbst am Besten formuliert: „Ich habe mich auf die Grenzgebiete von Möglichkeiten und Wahrnehmung konzentriert, und ich glaube, die allergrößte Einschränkung ist, wenn man aufgibt sich zu konzentrieren und alle Möglichkeiten zulässt. Das Ergebnis ist ein Chaos, das auf keinem Fall Klarheit schaffen kann. Das wichtigste ist Konzentration. Die Grenzen mit denen ich arbeite sind nicht einschränkend. Für mich ist es, als ob ich durch eine Wand in eine Leere gehen würde, die sich unendlich ausdehnt.“ Aus „Gespräch mit Max Cole“ von Magni, Rossi und Poletti, 1996, Mailand.

Die Gemälde von Max strahlen Ruhe und Leichtigkeit aus. In den zehn Jahren, in denen ich mittlerweile Max’ Nachbar bin, kann ich den enormen Aufwand bestätigen, den sie betreibt, um ihre Gemälde zu produzieren. Max hat vielfältige Interessen und pflegt viele persönliche Kontakte, aber phasenweise konzentriert sie sich bestimmt und unbeirrbar auf ihre Arbeit. Max kann eine enorme Konzentrationskraft entwickeln und kann ihre ganze körperliche und geistige Ausdauer lange und ungestört ihrer Arbeit widmen. Und sie nimmt sich alle Zeit, die sie braucht, um ihre extrem arbeitsintensiven Werke herzustellen. Mich beeindruckt Max’ Fähigkeit, tagelang ununterbrochen zu arbeiten. Einmal habe ich Max gefragt, woher ihre scheinbar unbegrenzte Arbeitskraft komme und sie antwortete mir, ohne zu Zögern, ganz schlicht: „Ich glaube, ich würde sterben, wenn ich aufhören würde zu arbeiten.“

Zudem versteht Max, was für eine wichtige Rolle Einsamkeit im künstlerischen Prozess spielen kann. Sie hat mir einmal gesagt, wie kostbar das Alleinsein für sie sei. Eine wichtigere Lektion aus Ihrem Leben werde ich wohl nie erhalten.

Wie ich im oben genannten Zitat von Cezanne angedeutet habe, glaube ich, dass Max Cole in ihrer Kunst nach Wahrheit strebt. Ebenso, wie so wortgewandt in Merleau-Pontys Artikel „Cezannes Zweifel“ dargelegt, ist es sehr oft die Widersprüchlichkeit und das Dilemma eines Künstlers, dass er zugleich voller Zweifel und davon besessen ist, Wahrheiten zu verkünden. Max Cole hatte den Mut, unvermeidlichem Zweifel die Stirn zu bieten, nun können wir das Ergebnis betrachten.

Stephen Zaima, Professor für Kunst, Associate Dean der Syracuse University (USA)
Übersetzt aus dem Englischen: Maximilian Bauer und Elisabeth Roth

 

 

English Version

 

At the Edge of Meaning

“I owe you the truth in painting and I will tell it to you.” Cézanne, 1905

 

Clarity, serenity, beauty: That is what Max Cole has achieved in her paintings. As a friend and fellow artist, I know enough not to try to dissect the particular mix of talents and life circumstances that allowed Max to create her impressive body of work, but I do feel that I have gained important insights into her work and glimpses of the possible origins of her creative impulses.

Looking back over our nearly ten years as neighbors, I can see how each of our many long, often late-night, after-dinner conversations, were like chapters in a long, intimate portrait of an extraordinary woman and artist. Through our conversations and my observations of her approach to making art, I have developed a profound admiration for Max’s artistic achievement and the honesty that she brings to the always inscrutable process of creating art. I have come to realize that Max is an artist whose everyday life is in many ways inseparable from her artistic life. “In Max Cole’s work, a very important factor is that her way of painting is not an isolated fact from her whole life and person. It doesn’t constitute an aesthetic manifesto but something very different and totalizing. Painting, working is her participation in a reality that defies all definition. It’s not the work of a visual artist, who leads a normal life and at certain times of the day goes to the studio and paints.” From Interview with Giuseppe Panza di Biumo by Laura Mattioli Rossi 2000

Understanding and looking at the art in front of us, places us at the edge of what we know and what we do not know. Being at the edge of meaning is where I begin to examine Max’s work. Yes, the surfaces of her paintings are precise, but they are never measured. At first glance it might appear that a straightedge or ruler is used, but by examining Max’a paintings, drawings and prints closely, and especially from the side, it becomes apparent that the lines are not straight. The surfaces of the works are organized, but never predictable. The works share many qualities, but are never the same. The quality and style of Max’s work over the years have been astonishingly consistent, and yet each work has its own internal structure and clarity of purpose that makes it a unique and compelling work of art. There is a spiritual quality to Max’s work that provides the attentive viewer with a glimpse of insight and clarity that can be difficult to translate into a verbal equivalence. As with many serious works of visual art, the seeming simplicity of the surface belies the depth of understanding conveyed about the process of seeing. "I believe that nothing can be more abstract, more unreal, than what we actually see. We know that all we can see of the objective world, as human beings, never really exists as we see and understand it.” Giorgio Morandi

In Max’s work, the horizontal lines look straight but never are, and the verticals help bear the weight, like those countless fence posts holding up endless barbed wire that you see across the flat desolate landscape of the state of Kansas. That’s where Max was born and spent her childhood. It was a harsh environment, made even more punishing by the Great Depression and the Dust Bowl, two destructive forces that brought with them for Max and her two sisters the added burden of growing up with little in the way of financial security. Perhaps the deprivations of her youth in some way inspired Max to achieve in her art what life does not always provide: clarity, serenity and beauty

Of course, great artistic achievement can never be explained solely by one’s circumstances in life. Max’s artistic achievement can also be examined in relation to the artistic currents that Max experienced in her formative years. For instance, I see a relationship between Max’s work and the timeless structure of Alain Resnais’s films (Last Year At Marienbad) and the meticulous writing of Alain Robbe-Grillet (In The Labyrinth), and both I would argue are germane to her paintings and drawings. The story seems to start somewhere in the middle with no reality outside itself. No part is more important than any other part, with an absence of symbolic allusions. One could argue the beginning and the end are more important, but it would be an academic point, and does little to uncover the essence of the work. “It is correct that there is a relationship between my work and Robbe-Grillet. I was drawn to his rhythmic use of language and the abstract nature of plots. The structural style is something I relate to because he has thrown all conventional form that most writing is based on.” Max Cole 2011

There are also some relevant parallels in the music of Steve Reich (Music For 18 Musicians) and Erik Satie (Vexations). The depth of the work, either by layering or length, make for an unconventional mesmerizing experience. Subject and narrative remain elusive at best, so the works are never prescriptive or instructional. The lack of named references and a linier narrative make the seeing, reading, and listening a task without the semiotic markers to guide us to what we think we know. All of these practitioners, including Max Cole, are less interested in making road maps to describe the work, but are more interested in making work that has never been experienced or imagined before.

Max Cole has seemingly created certain restrictions for herself by employing limited formal elements in her paintings, such as line, texture and space. It is her great aesthetic accomplishment to have used these restraints to produce works that are both alluring and nuanced. Max expressed it best: "I’ve focused on the border of possibilities and perception, and I believe that the most restrictive limitation is when you abandon focus and admit all possibilities. The result is chaos, which cannot possibly express clarity. The important thing is focus. The limits I work within are not restrictive, because it’s like going through a wall into a void that expands infinitely." From Dialogue with Max Cole by Magni, Rossi, and Poletti, 1996, Milano.

Max’s paintings exude a quiet power and a sense of effortlessness. However, having been Max’s neighbor for nearly ten years, I can attest to the enormous effort that goes into creating her paintings. Max has many interests and personal connections, but she also has long periods of intense, almost single-minded devotion to her work. Max has tremendous powers of concentration, along with the physical and mental stamina to devote long, uninterrupted periods of time to her work. The simple fact is that it takes tremendous concentration and time to produce her paintings, and I found Max’s capacity to work for long, uninterrupted periods to be remarkable. I once asked Max about her seemingly limitless capacity for work, and her reply was unhesitating and simple: “I think I would die if I stopped working”

Max also has an appreciation for what an essential role solitude can play in the artistic process. Max once told me that for her, solitude is a treasure. A more important lesson from her I may never know.

As implied in the opening quote by Cezanne, I believe that Max does strive to deliver the truth in her art. Even so, as set forth so eloquently in Merleau-Ponty’s article Cézanne's Doubt, the contradiction and dilemma is that artists often are at the same time full of doubt and yet driven to deliver the truth. Max Cole has had the courage to stare down the inevitable doubts, and the results are ours to savor.

Stephen Zaima, Professor of Art
Associate Dean, Syracuse University